Wind Of Change / MOUNTAINS, Berlin, 2019
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Eine Fraktur beschreibt in der Medizin den Bruch eines Knochens. Viele Frakturen sind unter der Haut verborgen und äußerlich nicht erkennbar, manche aber liegen offen. Oft verheilen sie, wenn es jedoch zu Verschiebungen kommt, muss man ein Leben lang mit Funktionseinschränkungen rechnen. Die gegenwärtige "frakturierte Gesellschaft" [1] Ost, die sich ihre Wunden, Splitter und Brüche in Wende und Postwende zugezogen hat, ist allem Anschein nach noch immer in Behandlung.
Das Pfeifkonzert auf Politik, Migranten und Obrigkeit sitzt seit Jahren, als tinitusartiger Dauerton im Gehörgang der liberalen Gesellschaft, kumulierend im Taubheitsgefühl der breiten Masse. Das Lied der Enttäuschten pegelt sehr weit rechts und kann ob seines Volumens schwerlich überhört werden.

Meiers künstlerischer Befund in der Ausstellung Wind Of Change zeichnet ein Bild der Abweisung, der Ungewissheit, des eigentlich schon als positiv ausgehend erdachten retardierenden Moments gesellschaftlicher Historie. Die zwölfteilige fotografische Arbeit THOR zeigt Mehrzweckgaragen in Ostdeutschland, wie sie unzählig zu DDR-Zeiten in die Nähe von Wohnkomplexen gebaut wurden. Die marode und verlassen wirkende Architektur ist noch klar in der Funktion begriffen. So zieren die Tore allerlei nachträglich in verschiedenen Jahren angebrachte Schlösser, Scharniere und Beschläge. Meier führt uns hier nicht nur in die durchaus amüsante Welt des Verschlimmbesserer-Typus "Kleiner Mann" ein, sondern hinterfragt Vergangenheit und Gegenwart, das Davor und Dahinter, Innen und Außen und vermeintlich ur-(ost)deutsche Befindlich- keiten von Angst und Besitzverlust.
Eingebettet in den Ausstellungskontext birgt das Bild der Garage auch einen politischen Verweis. Dem NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) diente ein solcher Komplex in Jena zur Konspiration und zum Bombenbau. Dieser - viel zu spät bekannt gewordenen grausamen - Realität stellt sich die eher humoristisch konnotierte Arbeit drei Pfeifen (Erbse, Uwi, Maik) entgegen. Ob der gesellschaftlichen Überforderung der als immer komplexer wahrgenommenen Welt, scheint es auch den Neo-Nazi zunehmend anzustrengen, die richtig gesinnte Berauschung zu wählen. Die anthropomorphen Glasbongs deuten bestehende Codierungen um und geben sich als schlaffe Wesen, deren Platz und Entstehung aus dem Unrat der Nachwende entwachsen ist.

Buchstäblich den Spiegel hält den Betrachtenden die Arbeit Reffjuschie Kreises vor. Der lasergravierte SPIEGEL-Artikel vom August 1990 reflektiert die innerdeutsche Migration zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung und gleicht verblüffend dem Wortlaut heutiger Flüchtlingsdiskurse. Die großformatige Arbeit Eiche zitiert die Metapher vom immer wieder nachwachs- enden und nicht vergehenden Unkraut, welches sich um diese Jahreszeit braun färbt.

Bedingt durch die eigene Biografie und den Umbruch in der Wendezeit, gilt die post-sozialistische Gesellschaft seit Jahren als künstlerisches Interesse von Eric Meier. Wind Of Change greift diesen transitorischen Moment auf und verwebt ihn
mit dem aktuellen politischen Zeitgeschehen. So ist die Reflektion nicht nur die der Ost/Gesamtdeutschen, sondern auch die einer Tendenz, die man weltweit beobachten kann.
Eine Gesellschaft, die sich mit Flaschengeistern verbrüdert und benebelt über Landstraßen navigiert, um sich unweigerlich neue Frakturen zuzuziehen. Der offene Bruch war nie so sichtbar?

[1] Steffen Mau, Lütten Klein - Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft, Suhrkamp, 2019


- Berlin, Oktober 2019

 
 
 
W / Full HD Video 8.31 min, 2019

 
 
 
DIKTAT, Valletta Contemporary, Valletta, Malta
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Diktat is premiering a new body of work by German artist Eric Meier. Meier, who was born in 1989 in East Berlin, is known to bring together personal biographical points with socio-political topics in his artistic practice. The historical period after the collapse of the socialist system is of particular interest to the artist.

In his works with photography, sculpture and video, Meier conveys the effects of the fall of the Berlin wall and he tries to draw lines from the mistakes and omissions of the 90s and 00s in East Germany to the present nationalist populist movements, not only in Germany but also outside. Meier’s work investigates symbols of collective failure and its aesthetics. He is searching for traces of a society seemingly left behind, and along this journey, he finds pictures originating some decades back but that are relevant and politically urgent today more than ever.

Eric Meier’s exhibition Diktat at Valletta Contemporary (VC) happens at a time when the 30th anniversary of the fall of the Berlin wall takes place, when Malta finds itself to execute its part of the EU’s external border, and worldwide nationalism and authoritarian thinking have reached an unpredicted level. Meier takes these current topics as a context for an artistic investigation, to confront the irreducible plurality of our world.

Using large black and white photographs, video and sound, as well as sculptural works and an on-site installation work developed specifically for VC’s exceptional architecture, Diktat aims to confront the visitor with unconscious perceptions of our present.

Starting with a strong interest in places, the artist is questioning the status quo of the conditions and agencies of the social and political structures related to these entities. However, Eric Meier’s works can be considered as screens, open to the viewer’s own experiences, memories and conceptions of identity rather than historic documents.



Text by Markus Summerer

 
 
 
i i i, fructa space, Munich
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Zwei linke Füsse, Aperto Raum, Berlin
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Sad Boys2k1, Requiem for a failed state, Halle 14 center for contemporary arts, Spinnerei Leipzig
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Sad Boys2k1, HGB Galerie, Leipzig
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Vladi, the little poet... / Digital Video, 8.23 minutes, 2018

In times of so called “fake news,” the video work "Vladi, the little poet..."
reflects on media and news consumption via the web involving YouTube as
a source of information from all over the world.
Dealing with the auto translate function of the video platform, the main subject is a speech by
Vladimir Putin and the misunderstanding in its perception via the video and
distorted translation.

Both the subject and the technical aspects building the body of work create a
politically charged image of an impaired distribution of media.



In Zeiten von „Fake News” und „Alternativen Fakten“ reflektiert die
Videoarbeit „Vladi, the little poet...“ das mediale Konsumverhalten in Bezug
auf die Nachrichtenberichterstattung im Internet in Verbindung mit der
Videoplattform YouTube, als Informationsquelle von Nachrichten aus aller
Welt. Die Arbeit setzt sich mit der automatisierten Untertitelfunktion von
Google und einer Rede von Wladimir Putin auseinander, die durch den technischen Aspekt der fehlgeleiteten vermeintlichen Übersetzung komplett ad absurdum geführt wird.

Sowohl das Thema als auch der technische Aspekt der Arbeit versuchen ein
politisch aufgeladenes Bild der fehlgeleiteten und gestörten Streuung von
Medien zeichnen.

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